Betitelungen, Namen und Titelglaube

Meine letzte übriggebliebene Katze (19) hat bis heute keinen Namen. Trotzdem funktioniert sie wunderbar in meiner Obhut als das was sie sein soll: eben als Katze. Nomen est omen? Ein ganz klares Nein. 

Ja, es gibt so viele Titel und jedes Ding soll wohl einen Namen bekommen. Auch unsere Tätigkeiten über die sich viele von uns definieren: Journalist, Publizist, Autor, Anwalt, Pädagoge, Verwaltungsfachangestellter, Beamter (Gefolgsmann, Diener) sollen uns ja angeblich nur alles vereinfachen. Der Nachteil: mit einem Titel versehen, verbindet sich automatisch auch eine Verpflichtung und nach aussen auch eine so genannte Wahrnehmung (image) der betitelten Person. 

Wir Menschen fangen dabei an, verwaltungstechnisch zu denken und die Betitelten in Kategorien bzw. gedankliche Schubladen zu packen und sie dabei meistens zu beurteilen. Dies ist auch oft ein gewolltes Ergebnis des betroffenen Betitelten. Ziel ist hierbei einen gesellschaftlich höheren Status zu erreichen, also einen so genannten Reifegrad (ähnlich Käse) zu erreichen. 

Der nicht nur von mir hochgeschätzte Herr Goethe hat das früh erkannt und Strukturen menschlichen Hierarchien und erfundenen Ordnungen (Harari) klar analysiert, sich versucht außerhalb zu positionieren.

Seinem auf meinem Atelierklo hängenden Satz den er im Faust Mephistopheles aussprechen lässt: 

Daran erkenn’ ich den gelehrten Herrn!
Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern;
Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar;
Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr sey nicht wahr;
Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht;
Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht.

könnte man durchaus den Satz anhängen: Was ihr nicht betitelt und benamt, ist für euch nicht erklärbar.

Nicht nur in diesem unserem Lande (Kohl) ist Titelglaube ein weit verbreiteter Grund warum Menschen überhaupt Studien abschließen.

1. Und warum schreibe ich das alles? 2. Und warum nicht die weibliche Form der Betitelungen? Letzteres deswegen, weil ich es nicht als Hilfe der Gleichberechtigung der betroffenen Frauen empfinde, sondern als Erschwerung der Kommunikation untereinander. 

Btw.: Ich war gestern, 08.03.2026 auf dem Weltfrauentag (als einer der wenigen Männer) im Kino und durfte begeistert die berührende Doku »Ein Tag ohne Frauen« sehen, über den Streik isländischer Frauen 1975. Am 24. Oktober 1975 legten in Island mehr als 90 Prozent der Frauen die Arbeit nieder: Sie gingen weder ins Büro, noch kochten sie oder kümmerten sich um die Kinder. Das Land stand still. Der Streik sollte zeigen, wie wichtig Frauen in der Gesellschaft für das Wohl aller sind.

Und erstens, warum? 

Aufklärung und Nachdenken, Hinterfragen … so wurde ich konditioniert. Kritisches Denken wurde mir netterweise damals im Regelschulsystem antrainiert. Nun benutze ich es eben für meinen Alltag und versuche für uns alle eine Handlung an den Tag legen zu dürfen, daß uns die Möglichkeit eröffnet selbstbewusst durchs Leben zu gehen, auch ohne Doktortitel, Diplom oder sonstigen Betitelungen.

Und klar: Durch meine Veröffentlichungen hier auf meinem Blog, auf meiner Website, in (un-)sozialen Netzwerken und auch im öffentlichen (oder privaten) Raum wäre ich automatisch Publizist, Autor, Journalist und noch vieles mehr.

Letztendlich nahezu doch nur alles Belohnungsprinzipien und Definitionen?

Daher: Be free. Sei doch was Du willst …

 

Titles, names, and belief in titles

 

My last remaining cat (19) still doesn’t have a name. Nevertheless, she functions wonderfully in my care as what she’s meant to be: simply a cat. Is her name a sign? A resounding no.

Yes, there are so many titles, and it seems everything is supposed to have a name. Even our professions, by which many of us define ourselves—journalist, publicist, author, lawyer, educator, administrative assistant, civil servant (follower, servant)—are supposedly meant to simplify everything for us. The disadvantage: a title automatically entails an obligation and, externally, a certain perception (image) of the person bearing it.

We humans begin to think in administrative terms, categorizing those with titles and mentally pigeonholing them, usually judging them in the process. This is often a desired outcome for the person with the title. The goal is to achieve a higher social status, a so-called level of maturity (similar to cheese).

The highly esteemed Goethe recognized this early on and clearly analyzed the structures of human hierarchies and invented orders (Harari), attempting to position himself outside of them.

We are not alone in my high regard for this. His sentence, which he has Mephistopheles utter in Faust, hangs in my studio toilet:

 

That’s how I recognize the learned gentleman!

What you don’t touch is miles away from you;

What you don’t grasp, you completely lack;

What you don’t calculate, you believe isn’t true;

What you don’t weigh has no weight for you;

What you don’t coin, you think isn’t valid.

One could certainly add the sentence: What you don’t title and name, you can’t explain.

Not only in this country of ours (Kohl) is belief in titles a widespread reason why people complete studies at all.

By the way: Yesterday, March 8, 2026, I went to the cinema (as one of the few men) for International Women’s Day and was thrilled to see the moving documentary »A Day Without Women«, about the Icelandic women’s strike of 1975. On October 24, 1975, more than 90 percent of women in Iceland went on strike: they didn’t go to the office, they didn’t cook, and they didn’t take care of the children. The country came to a standstill. The strike was meant to demonstrate how important women are in society for the well-being of everyone.

And firstly, why?

Enlightenment and reflection, questioning… that’s how I was conditioned. Critical thinking was kindly instilled in me back then in the regular school system. Now I use it in my everyday life and try to take action for all of us that gives us the opportunity to go through life with confidence, even without a doctorate, diploma, or other qualifications.

Education and reflection, questioning… that’s how I was conditioned. And of course: By publishing here on my blog, on my website, in (un)social networks, and also in public (or private) spaces, I would automatically be a publisher, author, journalist, and much more.

At least, are they all just reward principles and definitions?

Therefore: Be free. Be whatever you want to be …

 

Goethes Faust 2019 Skizzenbuch Sketchbook 5 Bomber